Michael Zinganel



Freiraum Superblock
Leerstellen im Sozialen Wohnbau


Die Abbildung zeigt ein ganzseitiges Inserat, das ich im Sommer 96 im Liquer, einer Beilage zur Tageszeitung Der Standard, geschalten hatte. Unmittelbar darauf erhielt ich unzählige Anrufe von InteressentInnen für dieses oder ähnliche Objekte: u.a. von einer Fraueninitiative, einer Theatergruppe, mehreren Künstlern, Geschäftsleuten, aber auch von einem Türken, der schon lange einen Saal wie diesen suchte, den er für Hochzeitsfeiern weitervermieten wollte.

Zuständig für dieses Objekt wäre jedoch ein Magistratsbeamter gewesen, dessen Telefonnummer ich ebenfalls auf dem Inserat angeführt hatte, der die Anrufer jedoch an meine Nummer weiterverwies und so die Verpflichtung an mich zurückdelegierte, den realen Sachverhalt aufzuklären:
Daß dieses Inserat nämlich bloß den Abschluß eines Ausstellungsprojektes darstellte, das sich mit der Neu- oder Umnutzung leerstehender Gemeinschaftseinrichtungen in den historischen Gemeindebauten des sogenannten »Roten Wien« der 20 und 30er Jahre befaßte und in fünf ausgewählten Gemeinschaftseinrichtungen für jeweils eine Woche gastierte.
Und daß das angebotene Objekt, die ehemaliges Zentralwaschanlage im Carl Lorens Hof, eigentlich gar nicht verfügbar ist, weil es als Schulmöbellager des Magistratsabteilung 56 genutzt wird. Daß es allerdings entsprechend seiner räumlichen Qualitäten, mit dem großzügigen ebenerdigen Zugang von der Straße, mit dem großen, einem Foyer ähnlichen, Vorraum und der halbkreisförmig abgeschlossenen Halle bedeutend sinnvoller genutzt werden könnte und sollte, sofern sich Interessenten dafür finden ließen.
Recherchen im Rahmen des Gesamtprojektes hatten ergeben, daß noch viele, ähnlich attraktive, aber kaum oder nicht genutzte Räumlichkeiten im Verband von Wohnanlagen der Gemeinde Wien existieren, deren Verfügbarmachung jedoch durch die Komplexität der Zuständigkeiten unzähliger Magistratsabteilungen einiges an Hartnäckigkeit erfordern würden. So erlangen beispielsweise auch das Kulturamt und das Sozialamt der Stadt Wien nur von den Räumlichkeiten Kenntnis, die von der sie aktuell verwaltenden Abteilung als verfügbar gemeldet werden.
Der Angelpunkt des Projektes war demnach, diese Leerstellen überhaupt aufzufinden und in der Folge durch die Einbindung in das von der Stadt Wien in Auftrag gegebene Architekturfestival »80 Tage - Architektur und Stadt« im Oktober 1995 für befristete Zeit - als Beispiele für viele - der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Dazu bedurfte es aber entsprechender Weisungen von oben, um die Verfahren zu beschleunigen, eine Unterstützung, die womöglich einem Kulturarbeiter in diesem speziellen repräsentativen Kontext des Festivals zugute kommt, nicht notwendigerweise aber all den anderen alltäglichen Interessenten, die nun nach Kenntnis der Objekte einen Nutzungsbedarf artikulieren.

Anhand der recherchierten Bau- und Nutzungsgeschichte dieser Gemeinschaftseinrichtungen und der sozialen Erfahrbarmachung vor Ort wurde versucht, die (modernistischen) Planungsmythologien der politischen Führung und der beauftragten Architekten zu re- und dekonstruieren:

Die Integration kollektiv nutzbarer Wohnfolge- und Gemeinschaftseinrichtungen wie Zentralwaschanlagen, Kindergärten, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, baulich akzentuiert an prominenten Stellen im Verband der sogenannten »Superblocks«, sowie der signifikante Repräsentationscharakter der Gesamtanlagen nach außen, zielten nicht nur auf die Entwicklung und Stärkung der Hofgemeinschaft, sondern auch auf die Etablierung eines kulturellen Selbstbewußtseins einer »Neuen Klasse«. Zum anderen stellten diese Strukturen subtile Kontrollinstrumente dar, denn anstelle möglicher Selbstorganisation innerhalb der Hofgemeinschaften trat von Anfang an die gezielte Organisation durch Institutionen der Gemeinde Wien, die aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat mit jenen der Partei gleichzusetzen waren.

Seit dem 2.Weltkrieg haben technische Neuerungen in der Haushalts- und Kommunikationstechnik, Veränderungen des Freizeitverhaltens (vor allem durch das Fernsehen) und die zunehmende Individualisierung Neunutzungen herbeigeführt oder tatsächlich (nicht nur) räumliche »Leerstellen« in den Gemeinschaftseinrichtungen hinterlassen.
In den 70er Jahren wurden die riesigen Kesselanlagen in den Zentralwaschküchen obsolet, viele der Badehäuser wurden nach Einbau von Bädern in die kleinen Wohnungen aufgelassen und die Waschküchen mit modernen Waschmaschinen und Trocknern ausgestattet. Die dadurch verfügbargemachten Flächen wurden beispielsweise von der expandierenden Konsumgesellschaft für deren Einkaufsmärkte oder vom ASKÖ (Arbeitersportklub) für sportliche Einrichtungen besetzt. Die räumlichen Strukturen der kleinen Geschäftslokale mit bloß einem Verkaufsraum an der Straßenseite und einem dahinter anschließenden winzigen zusätzlichen Büro- oder Lagerraum sind für den aktuellen Bedarf des Einzelhandels kaum geeignet. Zum Teil stehen Räumlichkeiten seit Jahren leer, ohne daß sich Initiativen zu einer Aneignung erkennen ließen. In Extremfällen ist sogar die Existenz von ehemaligen Versammlungsräumen tatsächlich vergessen worden.

Vorschläge zur Neu- und Umnutzung der betreffenden "Leerstellen", deren Entwicklung ich als Gast-Lehrbeauftragter am Institut für Wohnbau an der TU Wien betreut hatte, wurden in Plänen und Modellen und in Anwesenheit der jeweiligen AutorInnen vorgestellt, um die Diskussion überhaupt erst in Gang zu setzen. Mit BesucherInnen und BewohnerInnen wurde vor Ort die Sinnhaftigkeit der konkreten Vorschläge und infolgedessen die Ursachen der Bedarfsverschiebungen und Abgrenzungsbedürfnisse in den Gemeindebauten allgemein erörtert und versucht alternative Möglichkeiten einer Neunutzung zu entwicklen. Die ArchitekturstudentInnen, die den Entwurf für den jeweiligen Ausstellungsort erarbeitet hatten, betreuten auch (gegen Bezahlung) die Ausstellung während dieser Woche und waren daher dem realen sozialen Umfeld ihrer Planung ausgesetzt, in dem ihre eigenen akademischen Recherchen ergänzt, relativiert und mitunter auch widerlegt werden konnten.

Via Videomonitor vermittlelte ein "Architekturführer" (gespielt von Christian Muhr nach Helmut Weihsmans "Führungen durch das Rote Wien") architekturgeschichtliches Fachwissen über den betreffenden Wohnblock, in dem die Ausstellung gastierte, und über Wohnanlagen in dessen unmittelbarer Nachbarschaft in Form aufgezeichneter Architekturführungen, die den aktuellen (teilweise umgebauten, oftmals auch desolaten) Zustand der Bauten und ehemaligen Gemeinschaftseinrichtungen mitdokumentierten. Ein Diaprojektor zeigte Reproduktionen von historischen S/W-Architekturaufnahmen derselben Bauten aus den 20er und 30er Jahren - Auftragsarbeiten, die den offiziell sanktionierten Blick des Roten Wiens repräsentierten.

Die Ausstellungen reagierten jeweils auf die Infrastruktur der Örtlichkeiten: Im Carl Lorens Hof wurden im ehemaligen Kesselraum dort gelagerter Schulmöbel integriert. Die große Halle wurde leicht beleuchtet und mit einer Musikanlage bespielt, sodaß die Raumdimensionen fassbar wurden aber deren aktueller Nutzung (als Möbellager) eine potentielle (z.B. als Club) symbolisch entgegengestellt wurde.

Im Lager des SPÖ-Sektionslokals Sandleiten wurden ausgemusterten Tische, stapelbare Stühlen und eine Disco-Beleuchtung mitverwendet und in Richtung der bestehenden Bühne projiziert. Zudem wurde der SPÖ-Sektionsabend für eine Diskussion der betagten Mitglieder mit den StudentInnen und dem Projektleiter genutzt, die so ihr Wissen zur Geschichte der Gemeindebaulebens und ihre diesbezüglichen sozialen Erfahrungen in das Projekt einbringen konnten.

Die verlängerten Öffnungszeiten durch die Ausstellung im Waschhaus des Matteottihofes bis um 20 Uhr statt nur bis 18 Uhr führten dazu, daß die Bewohner länger als üblich Wäsche waschen konnten, vor allem während der Eröffnungsparty, die bis Mitternacht dauerte. Auch die verantwortlichen Waschsaalbetreuerinnen blieben, um das Publikum den studentischen Umbauambitionen nicht alleine ausgesetzt zu lassen. Schließlich ging es nicht nur um die Verteidigung ihres Arbeitsplatzes, sondern auch um ein soziales Begegnungsfeld, das durch Rationalisierungsmaßnahmen gefährdet scheint. Der Entwurf der StudentInnen könnte dafür Argumente liefern.

Anläßlich der Ausstellung im ehemaligen Waschhaus des Somogy-Hofes wurden die empirischen Recherchen widerlegt: Weil innerhalb der Hofgemeinschaft die Existenz dieser Halle durch die 20-jährige Unzugänglichkeit verdrängt wurde, waren anfangs auch kein Bedarf geschweige denn Aneignungstendenzen seitens der Bewohner nachweisbar. Das heißt aber nicht, daß ein solcher Bedarf nicht besteht. Er bedarf eben erst geweckt zu werden. Die BewohnerInnen, die den Hof tatsächlich intensiv nutzen, sind vor allem Kinder bis zum Alter von 16 Jahren, Mütter mit Kleinkindern, HundebesitzerInnen und SeniorInnen - Gruppen, deren divergierendes Verhalten selbstredend Konflikte und Agressionen produzieren. Daher wurde die Ausstellung sofort jugendlichen Hofbewohnern angenommen, die in der großen Halle Fußball spielen, auf der Discoanlage ihre eigene mitgebrachten Platten und CDs laut hören und sich an der Bar wie Erwachsene Getränke holen konnten. Ab dem zweiten Tag kamen auch die kleineren Kinder bzw. wurden Kinder von ihren Eltern in der Ausstellung »zur Betreuung« abgegeben.


Literatur:
Die Wohnhausanlage(n) der Gemeinde Wien: Sammlung der Festschriften zu den Eröffnungen der Wohnhausanlagen, hg. vom Wiener Stadtbauamt, Wien 1923-1930
Sandleiten; Institut für Wohnbau an der TU Wien (Hrg.), Prolegomena, 10.Jhrg., Heft 2, 1981
Das Rote Wien: Sozialdemokratische Architektur und Sozialpolitik; Helmut Weihsmann. - Wien1985
Sozialgeschichte der Familie; hg. von Reinhard Sieder, Wien1991
Das Rote Wien 1918-1934; hg. vom Historisches Museum der Stadt Wien, Wien 1993
Das Volk und seine Meister: Dikurs und Erinnerung zum Alltagsleben in Wien (1914-1934); hg. Reinhard Sieder, Wien 1995
Blocksanierung in Wien; hg. vom Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds
Freiraum Superblock - Leerstellen im Sozialen Wohnbau; Michael Zinganel, Wien 1996

Quellen:
Wiener Stadt- und Landesarchiv
Historisches Museum der Stadt Wien
MA 52 und MA 56
Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung


siehe dazu auch: Jochen Becker, Freiraum Superblock. in: ARTIS, Zeitschrift für Neue Kunst, April/Mai, Zürich 1997 (PDF 1,8 MB als download)

sowie den Audiowalk
Leerstellen im Superblock. Eine kritische Wi(e)der-Begehung historischer Wohnanlagen des Roten Wien (1919-1934), Margarethengürtel, 5. Bezirk, 2007 im Rahmen von AWWA

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